Like Like Like und Daumen hoch?

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Wenn ein Foto weit über 80 Likes bekommt, auf dem dem Model Dinge aus dem Kopf “wachsen”, es also aus Sicht der Bildgestaltung unvorteilhaft, um nicht zu sagen schlecht, ist, kann der Fotograf nicht Stolz auf seine Aufnahme sein. Die vielen Likes lassen nur den Schluss zu, daß die Liker nur bedingt, wenn überhaupt, etwas von guter Bildgestaltung verstehen. Ihre Likes sind emotionaler Natur. Wobei wir bei der Aussage von Andreas Feininger sind: “The fact that a (in the traditional sense) technically deficient photograph can have greater emotional impact than a technically flawness picture probably comes as a shock to those who are naive enough to believe that technical exellence alone is a measure of a value of a photograph.” Übersetzt: Die Tatsache, daß ein technisch wenig gelungenes Foto eine höhere emotionale Wirkung hat als ein technisch perfektes Foto, muß auf denjenigen wie ein Schock wirken, der naiv genug ist zu glauben, dass nur ein technisch perfektes Bild den wahren Wert ausmacht.
Dennoch sollte der Fotograf emotional wirkende aber dennoch bildgestalterisch einwandfreie Bilder erstellen. Denn ansonsten verkommt seine Arbeit zur Knipserei und erfüllt nicht mehr den Anspruch eines Peoplefotografen und den des Models. Wer sehen kann, kann auch fotografieren, sagt die Werbung. Nur sehen lernen kann lange dauern. Es gibt auch keinen Grund, schludrig in seiner fotografischen Arbeit zu sein. Einem Zeitdruck ist man bei freien Arbeiten in der Regel nicht ausgesetzt (und die Entschuldigung, es mußte schnell gehen, lasse ich nicht gelten, ebensowenig wie “das ist so gewollt”).
Es ist schlicht die mangelnde Aufmerksamkeit, womöglich auch persönliches Unvermögen, und die latent vorhandene Anspruchslosigkeit an hoher Bildqualität. Ich habe viele Bildbeispiele gesehen, wo es nur einer kleinen Änderung der Perspektive oder des Standpunktes des Models bedurft hätte, um das zweifelsohne emotionale Foto bildgestalterisch gelingen zu lassen. Oder es wurde viel Luft um den Kopf des Models gelassen, ihm dafür aber die Füße abgeschnitten.

Manche Fotografen posten ihre Bilder mit der Überschrift “Dem Model und Fotografen hat das Bild so gefallen” und stellen in der Bildunterschrift die provokante Frage nach der Meinung des Rezipienten. Man ist da schon geneigt zu schreiben, daß sowohl Model wie auch Fotograf keine Ahnung haben, aber aus Nettigkeit unterläßt man das dann, denn es bringt ja auch nichts. Die Kritikfähigkeit seitens des Model und Fotografen sind ja von vornherein blockiert. Die Krone setzt dem Ganzen dann aber derjenige auf, der im Kontext die Kameraausrüstung beschreibt, die natürlich dem neuesten Hype entspricht und ein kleines Vermögen gekostet hat.

Mitunter wäre es ein Leichtes, in Photoshop die störenden, bei der Aufnahme unvermeidlichen, Bildelemente weg zu retuschieren. Wer das nicht macht, hat möglicherweise das Problem, sich nicht mit Photoshop und den Retuschetechniken beschäftigt zu haben oder er (bzw. sie, wenn es sich um eine Fotografin handelt) erkennen den Bildfehler nicht. 

Für mich sind diese Bilder viel Wert. Ich brauche sie nicht selber produzieren, auch wenn mir selber aus Mangel an Konzentration Bilder mißlingen. An ihnen kann ich in Workshops zeigen und auch erklären, was man hätte besser machen können. Und sie sind für mich immer wieder Ansporn und Übung im Sehen lernen. Wie weiter oben geschrieben, sehen lernen kann lange dauern. Ein ewig währender Prozeß der Anstrengung abverlangt.


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